Schleswiger Wirtschaft im Blick

Teil 4: Einzelhandel in der Innenstadt oder auf der grünen Wiese?

– Eine Frage der Perspektive?

Von C. Godbersen

In der zweiten Jahreshälfte 2012 ging ein mittelschweres Beben durch die Einzelhandelslandschaft Schleswig-Holsteins: Am Rande von Neumünster eröffnete ein neues Fabrik-Outlet-Zentrum seine Tore. Massiver Gegenwind aus anderen Städten Schleswig-Holsteins hatte das Projekt nicht aufhalten können. In auffälliger zeitlicher Nähe zur Eröffnung dieser neuen, komplett am Reißbrett entworfenen „Einkaufswelt“ meldeten sich in den Regionalmedien Wirtschaftsexperten zu Wort und warnten, die Schaffung immer neuer Einkaufszentren am Stadtrand gefährde die Wirtschaft der Innenstädte. 

Als ich diese Meldung in der Zeitung las, war meine erste Reaktion Spott darob, dass offenbar wieder einmal „Experten“ nötig waren, um zu erkennen, was eine Vielzahl von Laien schon seit Jahren – wenn nicht Jahrzehnten – beobachtet. Mein zweiter Gedanke war jedoch, dass viele gute Ratschläge eben oft wiederholt werden müssen, bevor sie endlich beherzigt werden.

Dieser Konflikt scheint in allen Klein- und Mittelstädten der westlichen Welt aktuell zu sein. In den Steppen Nordamerikas, am Französischen Atlantik und in Südaustralien bin ich auf das gleiche Phänomen gestoßen wie hier an der Schlei.

Die Frage ist, ob und wie diese Entwicklung zu bewerten ist. Stellt sie eine neutrale Entwicklung dar, die nur aus historischem Interesse heraus beachtet werden muss? Oder ist sie ein Fortschritt? Oder überwiegen die Nachteile, so wie es die jüngsten Expertenäußerungen vermuten lassen?

Für die Konsumenten überwiegen zur Zeit eindeutig die Vorteile. Andernfalls wäre der Erfolg dieses Konzepts nicht seit so langer Zeit ungebrochen. Die mit individuellen PKWs mobilen Familien finden hier alles für den Alltag Nötige dicht beieinander, gepaart mit einem großzügigen Angebot an meist kostenlosen Parkplätzen. Die fast ausnahmslos von großen Ketten betriebenen Getränke-, Bau- und Supermärkte sowie Textil- und Autohandelshäuser können sich Öffnungszeiten bis spät in den Abend leisten, so dass auch Singles oder berufstätige Alleinerziehende problemlos nach Feierabend einkaufen können. Proportional zum Ausbau dieser Angebote wandeln sich die Innenstädte zu Orten der Freizeitgestaltung – Kaffee trinken, Kulturangebote wahrnehmen, Schaufensterbummel absolvieren, zur Tanz- oder Musikschule gehen –, des auf Luxusartikel spezialisierten Einzelhandels, der Anbieter seltener Nischenprodukte und komplett anderer Dienstleistungen wie Arztpraxen und Anwaltskanzleien.

Soweit kann man von einer Arbeitsteilung zwischen Innenstadt und Stadtrand sprechen. Beide Konzepte haben ihre Daseinsberechtigung. Solange es einer Mehrheit aller Einwohnerinnen und Einwohner finanziell einigermaßen gut geht, stellt es kein Problem dar, dass in Schleswig die Grundbedürfnisse einen zu Real/Lattenkamp oder ins Gewerbegebiet St.-Jürgen führen, während man in die Innenstadt eher zum Spaß geht, um ein paar Extra-Euros loszuwerden.

Sitzt das Geld bei den Menschen der Schleistadt jedoch knapper, ist Schluss mit Extra-Euros und Geschäftsaufgaben von Lollfuß bis Mönchenbrückstraße sind die Folge. Lehrstände wirken unsympathisch, so dass Einheimische und auch Touristen noch weniger verweilen. Weitere Geschäftsaufgaben folgen. Eine signifikante Zunahme an Leerständen zieht leider auch fast automatisch mehr Vandalismus und – im schlimmsten Fall – Gewalt gegen Personen nach sich. Dann wird die Innenstadt von friedliebenden Leuten endgültig gemieden und der Rest an Kaufkraft verlagert sich erst recht an den Stadtrand.

Von diesem Szenario ist Schleswig zum Glück weit entfernt. Doch dies ist das prinzipielle Risiko eines innerstädtischen Einzelhandels, der auf solche Angebote spezialisiert ist, die für die Kundinnen und Kunden am ehesten verzichtbar sind. Eine stärkere Durchmischung der Angebote würde nicht das Risiko einer innerstädtischen Mikro-Wirtschaftskrise in sich bergen. Aus diesem Grund ist ein dezentes wirtschaftspolitisches Gegensteuern ratsam.

Aus Gesichtspunkten des Umweltschutzes und der städtischen Lebensqualität sind die Einkaufszentren am Stadtrand zwiespältig. Sie kommen unserer aller Bequemlichkeit entgegen, mit dem PKW dorthin zu fahren, anstatt den Bus ins Zentrum zu nehmen. Dies erzeugt mehr Luftverschmutzung, Lärmbelästigung und Platzverbrauch als der öffentliche Personennahverkehr. Andererseits sind die neuen Gewerbegebiete auf der „grünen Wiese“ für innenstadtferne Wohnsiedlungen oft deutlich einfacher auch mit dem Fahrrad oder sogar zu Fuß zu erreichen. Auch Besucher von außerhalb müssen nicht ganz ins Stadtzentrum hineinfahren, sondern können von Idstedt, Schaalby, Güby und so weiter bequem mit dem Auto die Einkaufsgelegenheiten am Rande Schleswigs erreichen. Doch gerade an diesem Punkt zeigt sich die vielleicht größte Gefahr der neuen, die mittelgroßen Städte umgebenden „Gewerbegürtel“. Sie bedrohen noch eher als die Innenstädte die dörfliche Wirtschaft. In den vergangenen Jahrzehnten hat ein kleiner Ort nach dem anderen seinen Dorfladen, wo man zumindest das nötigste für den Alltag bekam, verloren. Der Zwang, seine Besorgungen über weitere Strecken mit dem Auto zu machen, war vielerorts die Folge – und somit eine Verteuerung des Landlebens, die mit den drastisch steigenden Treibstoffpreisen der letzten circa vier Jahre eine bis dato ungeahnte Dimension annahm.

Die Situation am Stadtrand ist also weitaus verästelter, als sie auf den ersten Blick zu sein scheint. Zwar wird kaum jemand der Klage widersprechen, dass die traditionellen Innenstädte viel schöner sind als die von Parkplatz-Äckern, Flutlichtanlagen und schier endlosen Flachdachbauten geprägten Gewerbeparks. Doch hier werden nur die Konsequenzen von kollektiven Entscheidungen sichtbar, die wir als Verbraucher jeden Tag treffen. Und bisher macht es nicht den Eindruck, dass eine Stadt wie Schleswig nur deswegen zu implodieren droht. Über ein vermeintliches „Sterben der Innenstadt“ zu mosern wäre zu kurz gegriffen. Viel bemerkenswerter und besorgniserregender ist das Zusammenspiel zwischen einem Regionalzentrum wie Schleswig und den es umgebenden Dörfern. Hier gilt es für Stadt und Land, eine gemeinsame, verantwortungsbewusste und auf langfristige Tragfähigkeit ausgerichtete Wirtschaftspolitik zu betreiben. Ein reiner Kampf um Kunden, den die Städte durch Maßnahmen wie die Ausweisung neuer Gewerbeflächen am Stadtrand gegenüber den Dörfern immer dominieren werden, ist auf lange Sicht schädlich für alle. Kurzfristig fällt er zum Nachteil der kleinen ländlichen Orte aus, mittelfristig führt er zu einer Überlastung der Städte mit Verkehr, Wohnungs- und Arbeitssuchenden sowie unkontrollierten Bauaktivitäten, und langfristig sorgt er für Pendelbewegungen der Wohnbevölkerung zwischen Stadt und Umland, die eine kaum berechenbare aber zweifellos immens große Menge an Kraft binden – Kraft, die andernorts besser eingesetzt werden könnte.

Die Entwicklungen der Wirtschaft am Stadtrand weist also den Weg vom 20. ins 21. Jahrhundert, in dem eine Stadt wie Schleswig sich endgültig keine Kirchturmpolitik mehr erlauben kann. Negativbeispiele gibt es immer noch genug. Versuche anderer Städte, das Neumünsteraner Outlet-Center vor Gericht zu verhindern, oder der Streit zwischen Hamburg und Husum um die Windenergie-Messe(n) – an derartigen Possen sollte Schleswig sich orientieren, um zu verstehen, wie eine zukunftsfähige Wirtschaftspolitik nicht auszusehen hat.

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