Die Schleswiger Wirtschaft im Blick

Teil 2: Unreif für die Insel (von C. Godbersen)

(K)eine Überraschung zu Weihnachten

Wenn die inzwischen zum Allgemeinwissen gehörige Prophezeihung sich als korrekt herausstellen sollte, wird am 21. Dezember dieses Jahres die Welt untergehen. Wie der Weltuntergang aussehen wird, lässt sich in Ermangelung von Erfahrungswerten unmöglich prognostizieren – denkbar ist jedoch das Szenario eines globalen Erd- und Seebebens, das den Großteil der bewohnbaren Landmasse in den Weltmeeren versenken wird. Übrigbleiben könnten dann kleine Inseln mit den letzten Überlebenden des wässrigen Armageddon. Der einzig positive Aspekt der Neuen Welt wäre vermutlich eine sich nach einigen Jahren einstellende exponentielle Zunahme der Fischbestände, aber abgesehen davon stünden harte Zeiten bevor.

Neben den Inseln im Meer gibt es auch Inseln metaphorischer Natur. So kann man Städte als Inseln der Zivilisation umgeben von Wildnis bezeichnen. Während Inseln sich traditionell stark durch die Erzeugnisse des Meeres versorgen, versorgt jede Stadt sich durch die Produkte der sie umgebenden landwirtschaftlichen Betriebe. Aber Städte sind für gewöhnlich von der sie umgebenden Natur- und Kulturlandschaft viel abhängiger als Inseln vom Ozean. In der Stadt kann außer ein bisschen Obst und Gemüse im Garten und ein paar Nüssen in Stadtpark nichts angebaut werden. Auch Baumaterial und Bodenschätze können im städtischen Lebensraum nicht gewonnen werden. Die Stadt ist, so gesehen, eine Insel der Abhängigen.

Natürlich sind auch die Bauern, Jäger, Bergleute, Holzfäller und sonstigen ländlichen Professionen von der Stadt abhängig, die typischerweise das akademische Wissen wie Medizin und Ingenieurswesen produziert und vorhält. Eine wirtschaftliche Einheit kann eine Stadt deshalb nur mit ihrem Umland zusammen bilden. In dieser Einheit kann die Wirtschaft ihren obersten Zweck verfolgen, der da lautet, das Überleben der Menschen zu sichern.

Fluctuat nec mergitur!

Betrachten wir also die Insel „Schleswig und Umgebung“. Wie wird es hier zugehen, falls Schleswig an Weihnachten 2012 von allen Seiten meerumschlungen ist? Abgesehen von der tiefempfundenen Trauer um Flensburg, Husum, Kiel und all die anderen Städte würde uns in Schleswig schnell der Mangel an allem nur Erdenklichen plagen.

Die Bauernhöfe der Umgebung könnten die Stadt zwar mit einigen Lebensmitteln versorgen, aber was könnte die Stadt ihnen im Gegenzug bieten? Die Herstellung von Maschinen? Computertechnik? Chemie? Arzneimittel? Größere lebensmittelverarbeitende Betriebe? – Alles Fehlanzeige! Im ernstesten Ernstfall hätte Schleswig zu seinem eigenen Überleben nur einen verschwindend geringen Beitrag zu leisten, der zum Leben zu wenig und zum Sterben keineswegs zu viel wäre. Und selbst die Umgebung von Schleswig macht nicht gerade den Eindruck, als könne sie monatelang einer Kontinentalsperre wie die William Pitts des Jüngeren standhalten. Nun gut, das muss sie ja auch nicht. Und Nahrung kann man ja zur Not auch unverarbeitet zu sich nehmen. Das würde vermutlich nötig werden; denn das verarbeitende Gewerbe im Landkreis Schleswig-Flensburg beschäftigt 1900 Personen, wie die Kreisverwaltung auf ihrer Website wissen lässt. Nicht gerade ein stehendes Heer der Köche und Konditorinnen...

Hoffen wir einfach mal, dass es zu keinem Ernstfall kommt. Auf alle Eventualitäten kann sowieso niemand vorbereitet sein. Aber auch etwas weniger fatalistisch betrachtet gibt Schleswigs Wirtschaft reichlich Grund zum Stirnrunzeln. Wieviel reale Wertschöpfung findet bei uns eigentlich statt? Welcher echte Mehrwert wird erzeugt? Auch wenn die Schleistadt in dieser Hinsicht keine Ausnahme darstellt, steht sie mit ihrem Leumund ganz besonders in dieser Tradition, dass sich deutsche Kleinstädte immer mehr zu reinen Dienstleistungszentren entwickelt haben: „Bundeswehr, Beamte und Bekloppte“ hieß es vor gut zehn Jahren noch von Schleswig. Seit dem Weggang der Bundeswehr ist aus diesem schönen, selbstironischen Dreiklang eine unzeitgemäße Zweifach-Alliteration geworden, da wir die Patienten der Fachklinik heute sowieso ungern „bekloppt“ nennen. Bundeswehrstrukturreform und der gebotene Respekt vor psychischem Leiden haben aus der zumindest namentlich schillernden „Stadt der drei B's“ eine gewöhnliche Kleinstadt mit den gewöhnlichen Problemen gemacht. Wie Jack Sparrow am Ende der Welt driftet Schleswig auf einem Kurs, der den Abgrund der Bedeutungslosigkeit bereits in Sicht gebracht hat.

Europa an der Schlei

Jetzt fragen Sie sich vielleicht, was die ganze Schwarzmalerei soll? Vielleicht fragen Sie ja auch weiter: Was spricht denn dagegen, dass Schleswig ein reines Dienstleistungzentrum bleibt? Was spricht denn dagegen, das Prinzip der Arbeitsteilung, das westliche Gesellschaften zum Erfolg geführt hat, nicht auch in Schleswig zu leben und sich zu spezialisieren?

Meine Antwort lautet: Mae agan! „Nicht übertreiben!“ könnte man dieses Motto des antiken Gottes Apollo lose übersetzen. Und auch einen zeitgenössischen (Halb)gott erlaube ich mir zu bemühen: Stephen Hawking sprach vom „universe in a nutshell“, dem Universum in einer Nuss-Schale. Wer schon Texte von mir gelesen hat, kennt meine Angewohnheit, darauf abzuheben, wie alle großen Dinge ihre Abbilder im Kleinen haben und umgekehrt: Was wir in Schleswig sehen, spielt sich im größeren Maßstab auch auf europäischer Bühne ab und hat dort zur Krise geführt. Es ist der Glaube, die Grundbedürfnisse seien befriedigt, würden es auch fortan ewig bleiben und man könne die harte Arbeit in der Produktion von Gebrauchs- und Verbrauchsgütern ruhig anderen überlassen. In der EU war man – vereinfacht gesprochen – lange der Meinung, auf „den Chinesen“ als billigen, anspruchslosen Arbeiter zurückgreifen zu können, der die Schuhe für unsere Sportstars näht, die Kleider für unsere Topmodels färbt, die Smartphones für unsere Projektleiter zusammenschraubt und die Nudeln für unsere Yuppie-Restaurants liefert. In Europa machten wir unser Geld mit sauberen, eleganten Jobs wie Unternehmensberatung, Fondsmanagement, Mediendesign... Heute besucht Angela Merkel Peking und bittet um Finanzhilfe für den Euro-Rettungsfond. Und „der Chinese“ mahnt Europa zu mehr Disziplin. O tempora, o mores! Aber diese Entwicklung ist nicht verwunderlich. Im Westen haben wir Buchgeld geschaffen, im Fernen Osten wurden reale Werte geschaffen. Die Griechen haben mit dem Buchgeld ein bisschen zu wild jongliert, und prompt flog nicht nur ihr Schwindel auf, sondern auch der vieler anderer Staaaten.

Wer wagt nun zu behaupten, dass es in Schleswig nicht genau so läuft? Wir sind ein Justiz- und Verwaltungsknotenpunkt, ein Gesundheitszentrum, ein Tourismusstandort und – „die freundliche Kulturstadt im Norden“. Mit den Gütern des täglichen Bedarfs dagegen lassen wir uns beliefern, da eine freundliche Kulturstadt offenbar zu Höherem berufen ist, als die Ärmel hochzukrempeln. Den innerlich maroden Zustand des Theaters sollten wir jedoch als Warnhinweis verstehen, überall einmal genau hinzugucken, ob unsere Stadt nicht eine in wirtschaftlicher Hinsicht völlig überbewertete Miniatur-Eurozone ist. Mir sind keine detaillierten Zahlen bekannt, die darauf hindeuten, aber im Falle Griechenlands wusste bis vor einem Jahr auch noch kein Experte etwas. Wie so oft hatte die menschliche Fähigkeit, nicht das Wahrscheinliche, sondern das Wünschenswerte für wahr zu halten, dem Intellekt einen Strich durch die Rechnung gemacht. In Schleswig wünschen wir uns, dass weiterhin natur- und kulturhungrige Touristen und reiche Senioren Geld in die Kassen spülen – während hier in der Stadt langsam alles in sich zusammensackt.

Auferstanden aus Recyling

Okay, hoffen wir weiter; arbeiten wir weiter in dieser Richtung. Aber warum nicht parallel ein bisschen in die Puschen kommen, in die Hände spucken und etwas Neues probieren? Folgende Vorschläge gebe ich frei zur Ausarbeitung und Weiterverfolgung in die Runde. Falls jemand ein Geschäft wittert, möge er oder sie es an sich ziehen, bevor ich es tue.

Der leidige Maisanbau, der seit einigen Jahren zunehmend unsere Landschaft bestimmt, lässt eine Menge Blätter, Fasern und ähnliches Zeug abfallen. Körbe, Matratzen, Stuhlbespannungen und dergleichen kommen mir da in den Sinn. Auch weniger Kompostierbares fällt in unserer Wegwerfgesellschaft zuhauf an: Altpapier, Altplastik, Altblech. Daraus lässt sich jede Menge herstellen, was sowohl in Schleswig gebraucht würde als auch „exportiert“ werden könnte. Buröartikel aus Pappe und Kunststoffteppiche sind nur zwei Beispiele für sinnvolle Recyclingwirtschaft. Aber ich höre ja schon vom Rathaus bis an den Schleswiger Stadtrand die Einwände gegen solche Vorschläge: zu teuer, zu teuer, zu teuer! Die Arbeitskräfte sind zu teuer, um rentabel produzieren können! Der Chinese als solcher dagegen... Gut, ich reiche noch einen ähnlich verrückten Vorschlag nach: Da das gängige Schleswig-Dogma von einem Gesundheitsstandort spricht, an dem viele Alte ihren Lebensabend verbringen sollen, könnte ein produzierendes Unternehmen hier eine Partnerschaft mit der Altenpflege oder Betreuung eingehen. Wenn ich auf meine alten Tage in einer betreuten Wohneinrichtung säße, nicht mehr kräftig genug für Weltreisen oder ehrenamtliche Arbeit bei der Bahnhofsmission, aber doch nicht bettlägerig – dann wäre es mir durchaus willkommen, ein paar Stunden pro Woche in Heimarbeit Büroklammern abzupacken, Papier zuzuschneiden oder dergleichen, während ich Radio hörte. Vielleicht wäre es durch die Kombination unterschiedlichster Arbeitsmodelle in einem Unternehmen sogar möglich, in Schleswig die Elektronikbranche heimisch werden zu lassen. Wie viele kaputte oder schlicht überholte Handies, CD-Player, MP3-Player, Festplatten und sonstigen vermeintlichen Schrott könnte man wohl auf einer Runde durch die Stadt einsammeln?!

Es wird unserer Stadt zweifellos guttun, mehr in diese Richtung zu denken. Und keinesfalls sollten wir uns gegenseitig mit „freundliche Kulturstadt“-Gerede einlullen, sondern wir sollten auch worst-case-Szenarien durchspielen und entsprechende Vorsorgemaßnahmen treffen. Griechischstämmige Mitbürger sind eine Bereicherung. Griechische Zustände gilt es um jeden Preis zu vermeiden.

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